Herzerfrischend lebendig

Claudio Monteverdis Marienvesper spannungsreich aufgeführt – Exzellente Leistung des Orchesters


Foto: Ingrid Heydecke-Seidel



Im Zusammenhang mit den Bad Mergentheimer Heimattagen wurde auch der Stuppacher Madonna gedacht, die der berühmte Maler des Isenheimer Altars Matthias Grünewald vor 500 Jahren geschaffen hat.
Musikalisch wurde der Festakt mit der Aufführung von Claudio Monteverdis 1610 komponierter „Marienvesper“ gekrönt, die am Samstag in der Künzelsauer Pauluskirche aufgeführt und am Sonntag in der Stuppacher Kapelle in Bad Mergentheim vor besagtem Madonnengemälde wiederholt wurde.
Revolutionär Monteverdi, der Komponist des Übergangs von Renaissance zu Frühbarock, war ein Neuerer, ein Revolutionär, was konservative Stilkritiker seiner Zeit heftig bemängelten. Giovanni Artusi warf ihm vor, in einigen seiner Madrigale habe er sich die Freiheit herausgenommen, die Dissonanzen ungewöhnlich zu traktieren. Erst als er in Venedig Kapellmeister an San Marco wurde, festigte sich Monteverdis Ruhm.
Seine Musik birgt eine solche Variationsbreite an musikalischen Einfällen, dass die knapp 100 Minuten des Oratoriums wie im Fluge vergingen und nie an Spannung verloren. Es musizierten in der leider nicht vollbesetzten Pauluskirche Amelie Petrich und Daniela Schüler (Sopran), Reiner Geißdörfer, Bertram Kleiner und Michael Roman (Tenor), Marcel Brunner und Daniel Schäfer (Bass), Instrumentalsolisten mit Zink, Blockflöte, Geigen, Bratschen, Basslaute (Theorbe), Violone, Posaunen und Orgel sowie zwei Chöre (Chorisma und Vocalensemble Ludwigsburg) unter der temperamentvollen Leitung von Michael Müller.
Nur zu Anfang setzte der Chor zögerlich ein. An der Textverständlichkeit fehlte es zuweilen, obwohl das Programm den lateinischen Text enthielt. Aber das war bald vergessen angesichts der exzellenten Gesamtleistung. Besonders die beiden Tenöre glänzten in Arien und Duetten voller Koloraturen und Affekte. Ihre Begleitung, mal dezent mit Orgel und Theorbe, mal üppig mit Zink, Flöte, Posaunen und Streichern, war stets abwechslungsreich. Was damals so heftig kritisiert wurde, lässt heute die Herzen der Musikliebhaber höher schlagen: der dissonanzenreiche Ausdrucksstil, der häufige Wechsel zwischen Dur und Moll, die deklamatorische Freizügigkeit, die dynamischen Kontraste, die starken Affekte und die üppig verzierten Koloraturen.
Die reizvollen Echos beeindruckten, wozu sich ein Tenor in den hinteren Kirchenraum begab. Oder die fantasievollen Zwischenspiele zwischen den Chorsätzen. Am ausführlichsten und typischsten war das Magnifikat am Schluss, das das Werk zum glanzvollen Ganzen abrundete. Großzügiger Beifall belohnte die engagierten Akteure.

(Ingrid Heydecke-Seidel, Hohenloher Zeitung, 19.10.16,  www.stimme.de)