Von Thesen und Themen

Kirchen im Lutherjahr auf der Suche nach sich selbst – 60 Besucher bei Podiumsdiskussion in Künzelsau


Foto: Thomas Zimmermann



Da standen sie nun die zwei großen Holztüren rechts und links des aufgebauten Podiums. Die evangelische Johanneskirchentür in hellem Kiefernholz, die katholische St. Paulustür in grüngrauem Sperrholz.
An beiden Türen prangen die Zettel, die Gläubige aus Künzelsau und Umgebung in den vergangenen Wochen angenagelt hatten. Der Thesenanschlag ist im Luther-Jubiläumsjahr allgegenwärtig – obwohl er historisch so wohl nie stattgefunden hat. „Zurück zu den Wurzeln Jesus Christus“, stand da oder „Wieder mehr auf Martin Luther schauen und nicht jedem gesellschaftlichen Trend nachlaufen“ und „Zusammen feiern, Zusammenhalt und beten. Kirche ist für Freude da“ oder „Gottes Wort sollte im Mittelpunkt einer Predigt stehen“ und „Ich wünsche mir eine Kirche, die voller Glaube und Hingabe Gott und den Menschen dient.“ Die Künzelsauer Thesen des Jahres 2017 sind konservativ und sehnen sich nach Orientierung im Christentum.
Rund 60 Menschen sind ins Johannesgemeindehaus gekommen, um zu hören was die katholische Religionspädagogin Marion Jünger, der katholische Theologe Norbert Hackmann, Landrat Dr. Matthias Neth und der evangelische Schuldekan Kurt Wolfgang Schatz zu den Thesen und dem aktuellen Zustand der Kirchen zu sagen haben. „Es muss zu einem Miteinander im Gespräch kommen, aber dafür brauche ich Zeit und Raum“, stellt Marion Jünger fest. „Ich wünsche mir eine arme und dienende Kirche und glaube, dass wir uns in 30 Jahren von einigen Zöpfen verabschieden müssen“, betont Norbert Hackmann, der die Katholische Erwachsenenbildung in Heilbronn leitet, mit Blick auf die Entwicklung der Kirchensteuer.
„Wenn Kirche dem Zeitgeist hinterherläuft, halte ich das für gefährlich“, betont Matthias Neth. Er legt Wert darauf, dass Kirche Orientierung gibt. „Beim Bildungsplan Baden-Württemberg war mir meine Kirche lange sehr ruhig“, so Neth, der evangelisch ist, während seine Frau als Ministrantin diente. Auch seien ihm emotionale Kirchenerlebnisse an Weihnachten und Ostern sehr wichtig.
„Kernpunkt der Gemeinschaft ist, dass wir den Gottesdienst gemeinsam erleben können, der den Blick auf Gott sichtbar macht und wegführt vom Egoismus. Unsere Zeit sehnt sich danach“, bekräftigt Kurt Wolfgang Schatz.
„Was würde Ihnen denn fehlen, wenn es die christlichen Kirchen in 30 Jahren nicht mehr geben würde“, fragt Gudrun Ederer am Ende der Veranstaltung ins Publikum. „Eine Stimme für die Armen und Kranken, ein Orientierungspunkt in schwierigen Zeiten, eine Anlaufstelle für Flüchtlinge und ein wichtiger Ort für Trauernde, die einen lieben Menschen verloren haben“, lauten die Antworten aus dem Saal. Die seit Luther bestehenden unterschiedlichen Konfessionen spielen dagegen während der gesamten Diskussion eine untergeordnete Rolle.
„Der heilige Geist war meines Wissens weder katholisch noch evangelisch“, hat Marion Jünger dafür eine passende Antwort.

(Thomas Zimmermann, Hohenloher Zeitung, 08.02.2017,  www.stimme.de)