Einfach ein offenes Ohr schenken

Orte des Zuhörens in Künzelsau bieten Gesprächsangebot für alle, die ein aufmerksames Gegenüber brauchen


Foto: Henry Doll



Zuhören zu können ist eine Gabe. Und vielen Menschen fehlt ein Gegenüber, der wirklich zuhören kann. Der Caritasverband der Diözese Rottenburg-Stuttgart hat daher die Idee des Mailänder Kardinals Carlo Maria Martini aufgegriffen und „Orte des Zuhörens“ ins Leben gerufen. Es sollen Orte sein, an denen Menschen mit Sorgen oder Problemen einfach mal reden können und auf ein offenes Ohr treffen. Auch in Künzelsau gibt es einen solchen Ort. Er hatte sich seit 2015 im Alten Rathaus etabliert. Dann kam das Mai-Unwetter 2016, jetzt muss das Alte Rathaus saniert werden.

Ein Ausweichquartier im neuen Rathaus stand rasch zur Verfügung, wurde allerdings nicht von den Besuchern angenommen, berichtet Ilse Demuth, eine der ehrenamtlichen Helferinnen vom Künzelsauer „Ort des Zuhörens“. Schwer zu sagen, warum das so war. Das Alte Rathaus schien zentraler und wohl im wahrsten Sinne des Wortes niedrigschwelliger. Denn im neuen Rathaus mussten ratsuchende Menschen in den dritten Stock.

So lange das Alte Rathaus nicht genutzt werden kann, wollen die Ehrenamtlichen daher das Konzept überarbeiten und gleich mehrere „Orte des Zuhörens“ schaffen. Das neue Konzept sieht vor, sich mit Menschen entweder in deren Wohnung, im privaten Umfeld, oder an einem anderen Ort zu treffen. Auch Spaziergänge sind möglich. Man möchte sich „zu den Menschen bewegen“, sagt Angelika Protzer. Und: Es gibt ein Handy, unter dem man für einen ersten Kontakt anrufen kann. Die Nummer wurde in Arztpraxen verteilt. Am anderen Ende meldet sich Angelika Protzer.

Seit der Gründung im März 2015 kam das Team von „Ort des Zuhörens“ mit vielen Lebensgeschichten und Schicksalen in Kontakt. Die Helferinnen und Helfer unterliegen der Schweigepflicht. Aber so viel können sie doch verraten: Oft geht es um bezahlbaren Wohnraum, um Trennung und um Einsamkeit. Und einsame Menschen sind oft auch ältere Menschen. Manchmal, so erzählt Ilse Demuth, geht es auch darum, im Alltag zu begleiten. Eine Frau habe sich zum Beispiel einen Vorstellungsbesuch von „Angst essen Seele auf“ im Theater im Fluss gewünscht und einen Cafébesuch. Keine große Sache, aber es wird klar: Für manche Menschen ist schon der Alltag eine riesige Herausforderung. „Einfach Zeit schenken“, so nennt das Angelika Protzer.

Gerold Traub, ebenfalls Ehrenamtlicher, findet, man dürfe nicht gleich mit den eigenen Gedanken abschweifen und darüber nachdenken, wie dem ratsuchenden Menschen konkret zu helfen sei. Er nennt dieses Abschweifen beim Zuhören „in die Falle tappen“.

Dass aber auch über konkrete Hilfsangebote gesprochen werden kann, ist klar. So sei es beispielsweise gelungen, einen Besucher über die Caritas in betreutes Wohnen zu vermitteln. Man versteht sich als Brücke zu professionellen Hilfsangeboten. Alle Helferinnen und Helfer wurden von einer Psychologin geschult. Diakon Wolfgang Bork sorgt darüber hinaus für professionelle Begleitung.

(Henry Doll, Hohenloher Zeitung, 4.7.17,  www.stimme.de)