Lichter und Legenden

Die Kirchenglocke weist beim St. Annatag den Weg




Es ist ein besonderes Fest in Mulfingen. Das deutet schon das Navigationssystem an diesem Tag an. „Ich hab’ mein Fenster aufgemacht, ob ich jemanden singen höre und welche Glocke läutet“, erzählt Sonja Lüllig. Nun läuft sie inmitten eines Pulks von mehreren Hundert andächtig spazierenden Menschen mit einer Kerze in der Hand die Treppe der St. Kilianskirche hinunter.

Am Morgen war sich die Sonne nicht sicher gewesen, ob sie scheinen soll, oder ob sie es lieber bleiben lässt. Dementsprechend war nicht sicher, ob der Gottesdienst zum St. Annatag und die anschließende Lichterprozession vor der St. Annakapelle startet oder ob die Andacht in die St. Kilianskirche verlegt werden muss. Die Kirchenglocke wies schließlich den Weg den Berg hinauf – in die St. Kilianskirche.

Alte und junge Mulfinger sitzen dort eng gedrängt und lauschen der Predigt von Pfarrer Peter Oppong-Kumi – faszinierend, wenn man vergleicht, wie viele Leute andernorts in die Kirche gehen. Sind die Mulfinger tatsächlich so überdurchschnittlich gläubig?

„Wer sich in der Bibel auskennt, der weiß, dass die Großeltern Jesu’ nicht im Neuen Testament genannt werden“, erklärt der Pfarrer aus Ghana, der vor einigen Jahren als Vikar in Mulfingen gearbeitet hat und momentan als Urlaubsvertretung in Deutschland zurück ist. Sie seien die Namensgeber des Tages, namentlich erwähnt würden Anna und Joachim nur in den Apokryphen, erklärt Pfarrer Ingo Kuhbach.

Der Regen hat dem Kerzenlicht Platz gemacht, als sich der Prozessionszug in Bewegung setzt und mal in stiller Andacht, mal mit kirchlichen Gesängen das Dorf durchquert. Immer mehr Pilger strömen mit ihren Kerzen herbei, auf Fensterbrettern und am Wegesrand flimmern die Lichter.

Ein paar Mulfinger stehen nach der Prozession im Kreis und erzählen vom Heiligtum des Dorfes: An der Annakapelle gebe es eine Quelle, von der berichtet werde, dass sie heile. Manche Dorfbewohner würden dort regelmäßig Fünf-Liter-Kanister auffüllen. Auch ein 93-Jähriger ist mit seinem Wägelchen losgepilgert, um dieses so verehrte Wasser zu holen. Warum die Kapelle der Heiligen Anna gewidmet ist, wissen sie nicht.

Pfarrer Ingo Kuhbach löst das Rätsel: Die Heilige Anna war eben gerade modern, als die Kapelle um 1500 gebaut wurde. Oft könne man auf diese Weise am Namen erkennen, in welchem Zeitraum eine Kapelle gebaut wurde. „Damals gab es die Mode-Heiligen und heute die Modenamen“, scherzt er. Die Mulfinger seien durchaus „katholisch interessiert“, erklärt der Pfarrer.

Am Annatag gehe es jedoch nicht nur um den Glauben, sondern auch um die Verbundenheit mit dem Ort. Manche ehemalige Mulfinger nehmen sich an dem Tag sogar frei; Wallfahrer aus der Ellwanger Gegend und aus Tauberbischofsheim sind angereist, um den Mulfinger „Hochfesttag“ zu feiern, wie ihn Luis Beck nennt.

Der 14-jährige Ministrant erklärt: „An Weihnachten ist nicht so viel los in der Kirche.“ Ein Lied verkündet, wie oft die Heilige am Annatag in Mulfingen gegrüßt wird: „Sei gegrüßt viel tausendmal, Mutter, hier im Heimattal.“

Christine Faget, Hohenloher Zeitung, 31.07.2017,  www.stimme.de