Musik, die unter die Haut geht

Patrick Gläser präsentiert Programm seiner vierten Orgel-rockt-Tour auf der renovierten Orgel in St. Joseph


Foto: Nina Piorr



Mit der linken Hand und den Pedalen gibt Patrick Gläser an der Orgel der katholischen Kirche St. Joseph den pulsierenden Rhythmus von „Viva la vida“ vor. Seine rechte Hand dagegen stimmt die eingängige Melodie des Coldplay-Songs an. Dank einer Videoübertragung kann man auch im Kirchenschiff beobachten, wie der Organist nach und nach weitere Register hinzuschaltet. Sein dynamisches Spiel steigert er zu einem kräftigen Crescendo, so dass der ganze Kirchenraum zu beben scheint.

Ein faszinierender Hörgenuss, der den zahlreichen Zuhörern auch auf der vierten Tour von „Orgel rockt“ wieder unter die Haut geht. Bevor der Kirchenmusiker im nächsten Jahr mit der fünften Tour in Form eines Best-of-Mix startet, präsentiert er seine 2016er-Konzertmischung aus Rock, Pop und Filmmusik auf der jüngst renovierten Orgel der katholischen Kirche.

Effektvoll Sind Songs wie „Viva la vida“ oder auch „Jump“ von Van Halen in den Worten Gläsers „Ausdruck der Freude“, erscheint Udo Lindenbergs „Hinterm Horizont“ eher ruhig und getragen. Nur von einzelnen Akkorden begleitet, ertönt die Melodie auf dem oberen Manual, bis sich schließlich der Refrain seinen Weg bahnt.

Effektvoll kontrastiert Gläser die nahezu besinnliche Stimmung dieses Songs mit der für Orgel arrangierten Filmmusik zur TV-Serie „Game of Thrones“. Hier lässt er kräftige Bläserregister dominieren und sequenziert einzelne Phrasen in den unterschiedlichsten Stimmlagen. Durch das Zuschalten weiterer Register wird der Klang voller, büßt jedoch nichts von seiner melancholischen, mittelalterlich anmutenden Grundstimmung ein.

Passend zu seiner Stückauswahl versucht Gläser sein Publikum durch kurze Impulse zum Nachdenken anzuregen. „Oft fühlen wir uns nur wie Spielbälle“, konstatiert er beispielsweise zu der Liebe, Macht und Intrigen verkörpernden Serie. Dennoch könne man immer wieder feststellen, dass man auch im Alltag Stellung beziehen kann.

In einem Auszug aus seiner eigenen, unvollendeten Musicalkomposition „Schlagbäume“ philosophiert Gläser schließlich über Freiheit und den Sinn von Grenzziehungen. Dabei komplettiert er sein Orgelspiel mit seiner warmen Tenorstimme, die beispielsweise auch mit „Mary did you know?“ von Pentatonix die Orgel in ein eindrückliches Zwiegespräch verwickelt.

Mit Klassikern wie „Summer of 69“ von Bryan Adams oder „Final Countdown“ der schwedischen Hardrock-Band Europe beweist Gläser nochmals, dass fetzige Rockmusik und das klassische Kircheninstrument einander nicht ausschließen müssen. Erst nach drei Zugaben, darunter der unter die Haut gehende Adele-Song „Skyfall“, lässt das Publikum Gläser gehen.

 

(Nina Piorr, Hohenloher Zeitung, 07.11.2017,  www.stimme.de)