Wallfahrt mit Würzbüschel
Hunderte katholische Christen feiern Mariä Himmelfahrt in Neusaß

Geübte Wallfahrer suchen erst gar keinen Parkplatz in der Nähe der Kapelle. Die sind spärlich und lange vor dem Gottesdienst belegt. Viele Besucher parken deshalb an den Straßenrändern und nehmen erstaunlich lange Fußwege auf sich.

„Wir sind jedes Jahr dabei, wenn wir nicht gerade mähdreschen“, sagt Rudolf Schmieg. Der 65-Jährige aus Winzenhofen ist mit seiner gleichaltrigen Frau Anna-Elisabeth einer von mehreren Hundert Gottesdienstbesuchern an diesem schwülen Sonntagnachmittag. Die Helfer vom Verband Katholisches Landvolk haben die Feier im Freien vorbereitet. Jede Menge Bierbankgarnituren stehen an der Nordseite der Kapelle hoch über dem Kloster Schöntal. Vor dem Altar stehen Bananenkartons voller Würzbüschel.

Monsignore Wolfgang Westenfeld und seine Konzelebranten kommen aus der Kirche. Der ehemalige Heilbronner Dekan beginnt den Gottesdienst humorvoll: „Ich bin zwar nicht der Papst, aber der würde euch sagen: Grüß Gott euch allen.“ Danach schlägt Westenfeld ernsthafte Töne an. Die Marienwallfahrt in Neusaß habe eine lange Tradition, die mit Gemeinschaft zu tun habe, erklärt er. Um so wichtiger sei sie in „dieser schwierig gewordenen Zeit“, die von Vereinzelung und einer erschreckenden Ausrichtung auf das Materielle geprägt sei.

Dennoch dürfe die Kirche nicht schweigen, so Westenfeld: „Wir müssen wieder lernen, so zu leben, wie es unser Glaube von uns verlangt.“ Ganz still ist es auf der Wiese an der Nordseite der Kirche geworden, nur der Wind in den Bäumen ist zu hören. Er, der Wind, blase der Kirche heftig ins Gesicht, sagt Westenfeld und hat dabei sinkende Mitgliederzahlen und die brutale Verfolgung christlicher Minderheiten im Mittleren Osten im Blick.

Ein Grollen ist aus der Ferne zu hören. Aber es nicht das angekündigte Gewitter, sondern ein Flugzeug am Himmel. Das Wetter hält. „Wir müssen zusammenstehen und den Himmel bestürmen, dass er uns Frieden schenkt“, sagt Westenfeld in dem von Musikapelle und Kirchenchor Bieringen gefühlvoll umrahmten Gottesdienst.

Lang sind die Schlangen, als Westenfeld und seine Konzelebranten das Abendmahl spenden. Dabei fällt auf, dass nicht nur ältere Menschen zum Wallfahrtsgottesdienst gekommen sind: Hin und wieder zeigen sich Kinder und Jugendliche in der Gemeinde. Das freut Westenfeld, und er ermutigt die jungen Wallfahrer: „Wenn ihr heute Abend zu Bett geht, fragt euch, ob Gott euch nicht für den Dienst in seiner Kirche vorgesehen hat.“ Danach folgt der Verkauf der vorbereiteten Würzbüschel, die seit alter Zeit mit Mariä Himmelfahrt verbunden sind, unter anderem weil Christen die Heilwirkung von Kräutern auf die Jungfrau Maria zurückfuhren. Diakon Volker Schmieg aus Winzenhofen beendet den Gottesdienst auf unorthodoxe Weise, indem er auffordert: „Bleibt noch ein bisschen bei Bier und Würstchen.“ Monsignore Westenfeld findet dabei wieder zurück zum Humor: „Das ist zwar kein liturgischer Segen, aber immerhin brauchbar.“

(Matthias Stolla, Hohenloher Zeitung, 11.8.2014,   www.stimme.de)